Wie kann ein Neuanfang in Krisenzeiten gelingen? Coach Anastasia Umrik gibt Impulse

15. Februar 2021

Die Pandemie-Müdigkeit greift weiter um sich. Von Lockdown zu Lockdown – so richtig die damit verbundenen Maßnahmen und Einschränkungen auch sind, fällt es immer schwerer, Zuversicht zu behalten. Krisen bringen Ängste mit sich und manch eine*r möchte sich lieber unter der Decke verkriechen, bis all das ein Ende hat – was auch immer „Ende“ in diesem Fall bedeuten mag. Dann gibt es noch jene, die die Hemdsärmel hochkrempeln und sich sagen: Jetzt erst recht! Vielleicht auch, weil sie gar keine andere Wahl haben. Um es vorweg zu nehmen: Beides ist berechtigt, beides ist okay (in Maßen). Wir haben eine Expertin für Neuanfänge interviewt: Die Hamburger Autorin, Rednerin & Coach Anastasia Umrik. Es gibt Menschen, die, wenn sie Anastasia zum ersten Mal sehen, verleitet sind sie in drei Randgruppen-Schubladen zu stecken: weiblich, Ausländerin und auch noch behindert. Aber Anastasia ist viel mehr als das: unfassbar witzig, unfassbar inspirierend und unfassbar engagiert. Sie ist Initiatorin von Projekten und Organisationen wie „anderStark – Stärke braucht keine Muskeln“ und „inkluWAS – design, das denken verändert“. Wir sprechen über Mutausbrüche, das Trennen von alten Glaubenssätzen und mehr Achtsamkeit im Krisen-Alltag.

Anastasia Umrik lebt in Hamburg und arbeitet als Coach, Autorin und Rednerin. Foto: Luise Aedtner

femtastics: Selbst die wackersten Menschen spüren nach all den Lockdowns und fehlenden Kontakten gerade eine gewisse Pandemie-Müdigkeit. Geht es dir ähnlich?

Anastasia Umrik: Ja. Ich habe das Gefühl, als wenn ich schweben würde – und das tun wir alle gerade. Es wäre leichter, wenn jemand uns sagen könnte, in ein oder zwei Jahren ist diese Krise durchgestanden. Da das aber keiner weiß, hoffen wir bloß. Die Gutgläubigen denken vielleicht, im Herbst sind wir damit durch. Ich persönlich rechne eher damit, dass wir noch 1,5 Jahre durchhalten müssen.

Wo nichts ist, kann alles entstehen.

Warum können sich Krisenzeiten dennoch für Neuanfänge eignen? Im letzten Jahr wurden trotz Krise beispielsweise viele neue Unternehmen gegründet.

Wo nichts ist, kann alles entstehen. Wenn nichts mehr sicher ist, ist vieles egal und die Risikobereitschaft ist höher. Es gibt schlichtweg weniger zu verlieren – besonders, wenn man schon viel verloren hat. In unseren Köpfen unterscheiden wir immer von Krieg und Hunger etc., aber für das subjektive Empfinden einer Krise – unabhängig davon, ob du im Westen oder im Osten lebst, aus einer armen oder reichen Familie stammst – spielt das keine Rolle.

Wenn du Liebeskummer hast, hast du Liebeskummer. Und Liebeskummer ist eine Krise, vielleicht im kleinen Rahmen, aber sie fühlt sich so bedrohlich an wie eine Pandemie. Es ist das Gefühl der Unsicherheit, dass dir etwas durch die Finger rinnt und du es nicht halten kannst. Das kann eine zerbrochene Liebe ebenso wie ein altes Leben sein. Dir wird der Boden unter den Füßen weggezogen und das ist es, was sich so schlimm anfühlt.

Wir brauchen andere für den Austausch und die Inspiration, aber nicht für die Bestätigung.

Diese Gefühle zu haben und zuzulassen ist also okay, denn die individuelle Wahrnehmung hat immer ihre Berechtigung?

Auf jeden Fall. Man sollte das, was man empfindet, ernst nehmen. Gerade fühlt sich alles so besonders heftig an, weil wir weniger Möglichkeiten haben, uns abzulenken. Die meisten Menschen fallen in eine Krise, wenn wirklich gar nichts mehr geht. Das ist oft im höheren Alter der Fall oder durch eine Erkrankung. Wenn eine Krise in kleinem Stil kommt, zum Beispiel ein Jobwechsel, lenken wir uns für gewöhnlich erstmal ab. Wir gehen shoppen, feiern, lernen Leute kennen. Wir unterdrücken den Schmerz. Während des Lockdowns geht das alles nicht mehr so gut. Der Kontakt zu anderen fehlt, die uns bestätigen könnten, wie toll wir sind. Wir haben nämlich vergessen, dass wir unabhängig von der Bestätigung anderer schon stabil sind. Wir brauchen andere für den Austausch und die Inspiration, aber nicht für die Bestätigung.

Warum fühlen sich Neuanfänge für manche gut an? Und warum machen sie anderen Angst?

Manchen Menschen gelingt es besser, alte Blätter von sich fallen zu lassen und sich für den Frühling bereit zu machen. Andere halten krampfhaft an alten Dingen fest und weigern sich, Dinge loszulassen, aus denen sie schon längst herausgewachsen sind und die vielleicht ihre Persönlichkeit gar nicht mehr unterstützen. Jede*r kennt vermutlich Menschen, die im Kindlichen verharren und sich partout weigern, diese alten Verhaltensmuster abzulegen. Aber darum geht es bei Neuanfängen: die alte Idee vom Leben hinter sich lassen und zu schauen, wie sich das weiße Blatt Papier füllen lässt.

Es ist wichtig, sich neue Gedanken und Lösungsmöglichkeiten zu erlauben und diese ins Leben zu lassen.

Nun sind Krisen mit Ängsten verbunden. Wie schüttelt man diese ab? Wie kommt man aus einer gewissen Lethargie raus und wagt den Mutausbruch?

Ich ermutige Menschen dazu, sich zu trennen – damit meine ich nicht, alle Möbel zu verkaufen, sich ins Auto zu setzen und loszufahren. Es geht darum, sich bewusst zu machen: Bin ich wirklich glücklich in diesem Job? Wenn nein, weg damit! Bin ich glücklich in der Beziehung? Kinder bleiben natürlich für immer, aber was ist mit der Partnerschaft? Wenn nein – es gibt so viele Menschen auf der Welt, wir müssen wirklich nicht in Beziehungen oder Freundschaften verharren, die uns nicht gut tun.

Es ist wichtig, sich neue Gedanken und Lösungsmöglichkeiten zu erlauben und diese ins Leben zu lassen. Wenn der alte Beruf wegfällt, weil man merkt, dass dieser nicht mehr zukunftsträchtig ist, darf man überlegen: Was könnte das Leben noch für mich bereithalten? Was mache ich eigentlich wirklich gern? Was wollte ich als Kind werden?

Gleiches gilt für alte Glaubenssätze, die wir auch ruhig über Bord werfen können …

… ebenso wie Ideen und Muster von unseren Eltern, also deren Vorstellung davon, wie unser Leben zu sein hat.

 

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Aber manchmal ist es einfach auch okay, alles scheiße zu finden, oder? Erlaubst du dir diese Momente auch?

Natürlich! Ich weine fast jeden Abend. Viele denken von mir, dass ich eine ganz starke Persönlichkeit bin, die nie weint und immer nur leuchtet. Wenn ich sowas höre, sage ich immer: Das stimmt, aber von nichts kommt nichts.

Man muss Pausen und Traurigkeit so lange fühlen, bis sie sich wieder beruhigen.

Zumal Weinen keine Schwäche ist, sondern Stärke beweist – nämlich darin, seine Gefühle zuzulassen.

Ich habe oft Klient*innen im Coaching, die denken, dass es bei mir immer nur vorwärts geht. Das ist leider nicht wahr. Ich schaue auch aus dem Fenster und denke: Was mache ich hier eigentlich? Ich glaube, man muss Pausen und Traurigkeit so lange fühlen, bis sie sich wieder beruhigen.

Das ist so betrachtet schon wieder ein Privileg, sofern man die Zeit und den Raum dafür hat. Vielen Menschen fehlt gerade eine klare Perspektive. Wie gelingt es, den Kopf nicht in den Sand zu stecken?

Indem man wartet und aushält. Wir denken immer: Jetzt ist ja mal gut, jetzt haben wir genug rumgeeiert, jetzt buche ich meinen Urlaub! Es hilft, sich darin zu üben, das Nichtwissen auszuhalten. Und sich klar zu machen: Uns geht es trotz allem schon echt gut. Vieles ist gerade Jammern auf sehr hohem Niveau.

Es gibt so viel zu konsumieren, wichtiger ist, sich auf sich selbst zu besinnen: Wonach ist mir heute Abend eigentlich?

Wir sind immer noch sehr frei.

Eben! Es heißt also Durchhalten und den Fokus auf sich lenken. Natürlich sollten wir gesamtgesellschaftlich denken, aber wir sollten uns nicht an diesen Ablenkungsmanövern auf Twitter, Clubhouse und Instagram aufhängen. Es gibt so viel zu konsumieren, wichtiger ist, sich auf sich selbst zu besinnen: Wonach ist mir heute Abend eigentlich? Wir können diese Zeit nutzen, um uns wieder kennenzulernen und herauszufinden: Was tut mir wirklich gut, wenn es mir schlecht geht? Was gibt mir Kraft?

Große Fragen! Dein Rat ist vermutlich, sich erstmal von den Kanälen zu entfernen?

Ja, denn zu viel News machen ohnmächtig und nicht nur das – es kann auch das Selbstbewusstsein enorm schmälern, wenn wir denken: Was diese Leute alles können, da komme ich nie hin! Ich denke aktuell an die neue App “Clubhouse”. Da hört sich alles super an und obwohl ich weiß, dass ich auch gut bin, komme ich nicht umhin, mich zu vergleichen. Vergleiche lassen uns kleiner fühlen. Das ist schade.

Foto: Luise Aedtner

Wie gehst du damit um?

Ich versuche mich im bewussten und achtsamen Medienkonsum. Wenn ich nicht mehr weiß, was ich eben gerade gelesen oder gehört beziehungsweise es schon wieder vergessen habe, dann werde ich aufmerksam. Dann höre ich auf und mache alles aus. Ich höre stattdessen lieber Musik. Ich schlafe einfach besser, wenn ich weniger Medien konsumiere, weil ich weniger Informationen verarbeiten muss.

Deswegen ist es auch so ratsam, kurz vorm Schlafengehen nicht mehr am Bildschirm zu hängen.

Wir sind dafür einfach nicht gemacht! Wir sind dafür gemacht, in der Natur zu sein und uns mit dreißig bis vierzig Dorfbewohner*innen am Lagerfeuer auszutauschen. Wir sind nicht dafür gemacht, uns mit so vielen Menschen und so vielen Informationen auseinanderzusetzen wie es in den Sozialen Medien geschieht. Unsere Gehirne tun so als könnten wir das und seien in dieser Hinsicht weiterentwickelt, aber das sind wir nicht. Nur die Technologie hat sich weiterentwickelt, die Menschen nicht.

Wir danken dir für das inspirierende Gespräch, liebe Anastasia!

 

Hier findet ihr Anastasia Umrik:

Teaserbild: Julia Santoso 

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